Brehms Tierleben eallgemeine Kunde des Tierreichs : mit 1800 Abbildungen im Text, 9 Karten und 180 Tafein in Farbendruck und Holzschnitt 5, стр. 697
Kochenille. 621
Mit Aus\{luß der Regenzeit findet ſih die Kochenille in ihren verſchiedenen Lebensperioden an der Mutterpflanze und überzieht dieſelbe ſtellenweiſe mit ihren weißen, wachshaltigen Ausſhwißungen vollſtändig, zwiſchen denen die weißbereiften Weibchen ſich für das Auge manchmal kaum abheben. Lettere legen Eier, aus welchen kurze Zeit darauf die Lärvchen unter gleichzeitiger erſter Häutung aus\<hlüpfen und länger lebhaft umherlaufen, ehe ſie fih feſtſaugen. Die Larven ſehen der Mutter ähnlih, nur daß bei ihnen die Ausſonderungen aus den Wachsdrüſen eine fadenförmige Bekleidung bilden. Fnnerhalb zweier Wochen haben ſie unter mehrmaligen Häutungen ihre volle Größe erlangt. Die männlichen Larven ſte>en in einer hinten offenen Röhre aus Wachsfäden, welche den Eindru> eines Geſpinſtes machen, indem aus anderen Drüſen ein Klebſtoff abgeſondert wird, wie Paul Mayer in den „Mitteilungen der zoolog. Station in Neapel“ Band 10, Heft 3, berihtet. Nach der Paarung ſterben die Männchen ſofort, während den Weibchen noh eine ungefähr 14tägige Friſt zum Ablegen der Eier von Mutter Natur vergönnt iſt. Da ſomit die Entwi>elung einen Zeitraum von wenigen Wochen in Anſpruch nimmt, ſo kommen auch mehrere Bruten zu ſtande, an deren Ende man allemal eine Anzahl von Larven und die im Sterben begriffenen Weibchen ſammelt. Bouché erzog in den 20er Jahren dieſes JFahrhunderts in einem Treibhauſe bei Berlin die Kochenille und erzielte vier Bruten durch eine beſtändige Wärme von 16—20 Grad Réaumur. Zur Entwielung einer Brut waren 6 Wochen erforderlih, von wel<hen 8 Tage auf den Ei-, 14 Tage auf den Larven-, 8 Tage auf den Nymphenſtand kamen und abermals 14 Tage auf die Lebensdauer der vollkommenen Schildlaus. Jm Auguſt entwid>elt ſi< die lezte Brut, und während des Winters liegen die Weibchen befruchtet und ſetzen erſt im Februar ihre Eier ab. Die mexikaniſchen Kochenillezüchter bringen kurz vor Eintritt der Regenzeit alles, was zur Zucht fortleben ſoll, ſamt den ſehr lange friſch bleibenden Zweigen der Futterpflanze nach Hauſe in Sicherheit, um es wieder in die Kaktusanpflanzung auszuſeßen, ſobald die Negen vorüber ſind. Mit größeren Beſchwerden ſammelt man auch von der wild wachſenden Faeldiſtel die ſogenannte wilde Kochenille, die Grana silvestra der Mexikaner, welche noch viel häufiger geerntet werden ſoll und wahrſcheinlich einer anderen Art, nicht einer bloßen Abart der vorigen, angehört.
Als Mexiko dieſen wichtigen Farbſtoff noch allein erzeugte, wurden jährlih 880,000 Pfund für nahe an 7!/2 Mill. holländiſcher Gulden nah Europa ausgeführt, und A. von Humboldt gibt aus der Zeit ſeines Aufenthalts in Südamerika noh eine jährliche Ausfuhr von 32,000 Arroben im Werte von einer halben Million Pfund Sterling an. Aus Südſpanien, wo man, wie bereits erwähnt, die Kochenille gleichfalls baut, wie im ſüdlichen Teneriffa, ſeitdem dort der Weinbau infolge der häufigen Krankheiten dex Reben niht mehr lohnend erſchien, wurden 1850 gegen 800,000 Pfund roher Kochenille nah England verſchifft. Wenn man weiß, daß auf ein Pfund 70,000 tro>tene Tierchen gehen, jo kann man ſi< die ungeheuern Mengen der jährlih getöteten dur ein einfahes Multiplikationsexempel ſelbſt bere<hnen. Die ſpaniſchen ſogenannten Suronen, in wel<hen der Handelsartikel verſchi>t wird, beſtehen aus friſchen Dehſenhäuten, deren Haare man nach innen kehrt. — Die käufliche Kochenille zeigt die kleinen, eingetro>neten Tierchen von der Größe einer halben Erbſe, an deren runzeliger Oberfläche man die Quereinſchnitte des Hinterleibes no< ſehr wohl unterſcheidet. Äußerlich haben ſie eine ſhwarzbraune/ mehr oder weniger weiß beſtäubte, inwendig eine dunkel purpurrote Färbung; auf die Zunge wirken ſie bitterlih und etwas zuſammenziehend, färben gleichzeitig den Speichel rot und ſollen dieſe Eigenſchaften länger als 100 Jahre bewahren. Weicht man ſie in warmem Waſſer ein, ſo kann man meiſt noh die Veinchen und Fühler unterſcheiden, und in der roten, förnigen Maſſe, welche ſi< aus dem Körper herausdrüen läßt, hat ſhon Réaumur die Eier erkannt.